Deutsche Gesellschaft für Volkskunde Johannes Gutenberg-Universität Mainz Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz
 
 
 
 
 
 
 
   
   

Wie alt sind Sie? Stramm auf die Fünfzig zu
Wo ist Ihr aktueller Wohnsitz? Zürich
Was ist Ihre momentane berufliche Tätigkeit? An der Uni Lehre und Forschung, gleichzeitig Ausstellungen machen und ein bisschen Archivar sein. All dies in den Arbeitsbereichen Medizingeschichte und Volkskunde/Kulturwissenschaft sowie an den Orten Zürich, Basel, Bern und Winterthur. Alles keine feste, sondern projektgebundene Arbeit.
Wo waren Sie zuvor tätig? Vor dem Übergang in die Schweiz war ich in Stuttgart tätig.
Was sind Ihre aktuellen Forschungsprojekte bzw. Forschungsschwerpunkte? Der Überschneidungsbereich zwischen Medizin und Kulturwissenschaften. Konkret zur Zeit: Gesunde Lebensweise in der Moderne, Geschichte der medizinischen Ausbildung, Pilze zwischen Natur und Kultur, Juden und Medizin, Geschichte ärztlicher Standesvereinigungen
Was sind Ihre weiteren Interessensgebiete? Dafür bleibt leider kaum Raum.
Worauf freuen Sie sich besonders? Auf kompetente Vorträge zur kulturwissenschaftlichen Medienforschung und auf die lieben Mainzer KollegInnen.

Multimediale Gesundheitsberatung und alltagsweltliche Umsetzung
Das Modell "Bircher-Benner"

Der Zürcher Naturheilarzt Max Bircher-Benner (1867–1939, auf ihn geht das "Bircher-Müesli" zurück) etablierte Anfangs des 20. Jahrhunderts ein multimediales "Imperium" der Gesundheitsberatung und Gesundheitserziehung, das auf seinen Ideen von gesunder Lebensführung basierte:
- ein Sanatorium mit höchstem internationalem Renommee,
- eine Ratgeber-Zeitschrift ("Der Wendepunkt im Leben und im Leiden"),
- eine umfangreiche Serie medizinischer Ratgeber-Bücher, flankiert von
- unzähligen Kochbüchern und Ernährungsratgebern sowie
- unterstützenden Medien wie Ausstellungen und Vorträgen.
In diesen Medien vermittelten Bircher-Benner & Co das utopische Versprechen absoluter Gesundheit bei Einhaltung seiner Regeln naturnaher Lebensweise, der sogenannten "Ordnungstherapie" mit dem Schwerpunkt auf Rohkosternährung, daneben u.a. der Abstinenz von Alkohol und Fleisch sowie dem frühen Aufstehen und Zubettgehen. Er konnte damit eine große und zum Teil ergebene Anhängerschaft um sich scharen.

Durch den Umstand, dass die Patientenakten des Sanatoriums zum großen Teil überliefert sind, bietet sich die Möglichkeit, die Rezeption dieses multimedialen Ratgeber-Systems und die alltagsweltliche Umsetzung ihrer Inhalte ("gesunde Lebensführung") viel besser rekonstruieren zu können, als dies üblicherweise bei Ratgeber-Medien der Fall ist.

Dies wird im Vortrag anhand einer beispielhaften Patientengeschichte durchgespielt, deren Akte eine umfangreiche Korrespondenz enthält. Johanna B. aus einer niederdeutschen Großstadt nahm 1929 erstmals Kontakt mit Bircher-Benner auf und machte in den folgenden Jahren enge Bekanntschaft mit praktisch allen Elementen dieses Ratgebersystems von den Büchern über den "Fragekasten" der Zeitschrift bis zu verschiedensten Angeboten des Sanatoriums und weit darüber hinaus. Sie unterwarf sich begeistert den Anforderungen der "Ordnungstherapie".

Anhand dieses Beispiels wird untersucht, wie Johanna B. dieses mediale Netzwerk nutzte. Auf welche der Beratungsmedien griff sie zu welchen Zeitpunkten zurück? Welche Medien nutzte sie bei welchen Interessen? Wie integrierte sie die "Ordnungstherapie" in ihren Alltag? Welche Bedeutung hatten welche Medien dabei?

 
 
Dr. Eberhard Wolff
 
 
 
 
Der Vortrag von Eberhard Wolff findet statt am:
Mo | 24.9. | 10.00 Uhr
in P4