Deutsche Gesellschaft für Volkskunde Johannes Gutenberg-Universität Mainz Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz
 
 
 
   
   
 
 
 
 
   
   
 
 
 
 
   
   
   
   
     

Wie alt sind Sie? 48 Jahre
Wo ist Ihr aktueller Wohnsitz? Ich wohne, forsche und lehre in Hamburg und in Wien.
Was ist Ihre momentane berufliche Tätigkeit? Wissenschaftlicher Koordinator am Forschungskolleg Kulturwissenschaftliche Technikforschung des Instituts für Volkskunde der Universität Hamburg.
Wo waren Sie zuvor tätig? 1991–1993 Wissenschaftlicher Angestellter am Institut für Politikwissenschaft der Universität Tübingen / 1994–1996 Wissenschaftlicher Angestellter am Forschungsinstitut für Arbeit, Technik und Kultur, Tübingen / 1997–2000 Wissenschaftlicher Angestellter am Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen / 2001–2003 Projektleiter an der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg, Stuttgart / 2004 Projektleiter beim Forschungsinstitut für Arbeit, Technik und Kultur, Tübingen / 2004 Gastwissenschaftler der Forschergruppe »Neue Medien im Alltag« an der TU Chemnitz / 2005 Wissenschaftlicher Koordinator des Forschungskollegs Kulturwissenschaftliche Technikforschung« am Institut für Volkskunde der Universität Hamburg [http://www.rrz.uni-hamburg.de/technik-kultur/]
Was sind Ihre aktuellen Forschungsprojekte bzw. Forschungsschwerpunkte? Informatisierung und soziokultureller Wandel / Netzkommunikation / Wandel der Erwerbsarbeit / Subjektivierung (Arbeitskulturen) / Protest, soziale Bewegungen / Kultur und Innovation
Was sind Ihre weiteren Interessensgebiete? Transformationsprozesse in Ostdeutschland und Osteuropa / Geschichte der Mediennutzungen / Arbeiterbewegungskultur / Umgang mit dem Nationalsozialismus und Antisemitismus / Bilder und Formen der Kriminalität/Kulturgeschichte des Bankraubs / Werbe- und Propagandageschichte
Worauf freuen Sie sich besonders? Auf die vielen KollegInnen

Schundromane und Weblogs.
Von der Lese- zur Schreibwut?

Zur Aneignung von Kulturtechniken in der Populärkultur oder warum die Volkskunde (k)eine Medienwissenschaft ist

Der gegenwärtige soziokulturelle Wandel wird häufig mit Begriffen wie "Mediengesellschaft" oder "digitale Revolution" (v)erklärt. Die "Medialisierung des Alltags" brachte nicht nur eine eigene akademische Disziplin wie die Medien- und Kommunikationswissenschaft hervor, sondern führte auch dazu, dass sich verwandte Disziplinen (z.B. in Form von Mediensoziologie, Mediengeschichte etc.) diesen Themen zugewandt haben. Angesichts eines permanenten gesellschaftlichen Legitimationsdrucks stellt sich für die Nachfolgedisziplinen der Volkskunde periodisch die Frage nach dem eigenen Selbstverständnis und daher auch nach der "Spezifik volkskundlichen Arbeitens" (Bausinger) in der Medienforschung.

Vor diesem Hintergrund soll anhand der historischen Debatte um die Lesewut sowie des aktuellen Diskurses über die "Banalität des Alltags" und die aufgeschriebenen "Trivialitäten" im Internetmedienformat Weblog diskutiert werden, warum und in welcher Weise die Volkskunde (k)eine Medienwissenschaft ist. Im Zusammenhang der Weblogs ist es aufschlussreich, an die Reaktionen in der Spätaufklärung bzw. im 19. Jhdt. (Schenda) zu erinnern, als "die Erzieher der Nation zum Kampf gegen die ‚Lesewut‘ und ‚Lesesucht‘" (Maase) aufriefen. Ähnlich wie die Bildungseliten im 19. Jhdt. ihr bisheriges Vorrecht der Nutzung der Kulturtechnik des Lesens in Gefahr sahen, reagieren heutige (Bildungs-)Eliten aggressiv auf die drohende Entwertung ihres Privilegs hinsichtlich der Produktion von Texten oder Inhalten sowie deren vereinfachte Distribution via Internet. Es dürfte mehr als ein Zufall sein, dass sowohl bei den Schundromanen als auch bei den Weblogs jeweils die Sorge um weibliches Lesen bzw. die Abwertung weiblichen Schreibens in persönlichen Online-Tagebüchern im Zentrum des kulturkritischen Ressentiments standen und stehen.

Aus unserer Perspektive als historisch argumentierende Alltagswissenschaft lässt sich hierüber
1.) nicht nur ein Vergleich, sondern auch eine Relativierung des Gehaltes historischer wie gegenwärtiger Debatten um den Nutzen oder die Gefahren von Mediennutzung vornehmen.
Der historisierende Blick auf diese Debatten ermöglicht uns zugleich, die Artikulation einer Metaperspektive (z.B. zur sozialen oder politischen Funktion) im gesellschaftlichen Diskurs über Medien in die Waagschale zu werfen.
2.) Diese Perspektive auf die Nutzungen zeigt zudem, was passiert, wenn die NutzerInnen die Anrufungen der sogenannten Informationsgesellschaft tatsächlich befolgen, sich dabei aber "vom Lehrhaften emanzipieren" (Maase) und sich massenhaft – aber eben in eigensinniger Weise – ein neues Medienformat aneignen.
3.) Darüber hinaus vermag ein praxistheoretisches Kulturverständnis gerade in der Medienforschung nicht nur eine Ressentiment geladene kulturkritische Perspektive
zu überwinden, sondern auch die blinden Flecken anderer Disziplinen zu vermeiden (Weblogs quasi nur als journalistisches Phänomen und ohne den Blick auf das (weibliche) Kulturmuster Tagebuchschreiben). Eine historisch und kulturtheoretisch informierte Medienforschung vermag weiterhin zu zeigen, in welcher Weise die Debatten um die angeblich trivialen Weblogs oder die Warnungen vor der Lesesucht als soziale Auseinandersetzungen im kulturellen Feld um den Einfluss traditioneller Mediatoren gelesen werden können. Indem hier Struktur- und Akteursperspektive nicht-deterministisch verknüpft werden, widersteht eine solche Medienforschung zugleich der "Kulturalisierung des Sozialen" (Kaschuba), wenn etwa die unterschiedlichen Nutzerzahlen von Weblogs in Frankreich und Deutschland aus dem französischen Nationalcharakter erklärt werden.
4.) Nicht zuletzt mit Blick auf ökonomisch bedeutsame Fragen nach Medieninnovation und Mediendiffusion ist eine an Praktiken und dem "Eigensinn" geschulte Medienforschung nicht nur "kulturelle Technikfolgenabschätzung" (Hengartner), sondern kann mit ihrem historischen Wissen (z.B. Kulturmuster Tagebuchschreiben) dazu beitragen, die in anderen Disziplinen vielfach unberührt bleibende Blackbox "Kultur" im Prozess der Medientechnikgenese (z.B. in Konzepten wie der Pfadabhängigkeit in regionalen Innovationssystemen) aufzuhellen und zu füllen.
5.) Last but not least reflektiert eine kulturwissenschaftliche Medienforschung über Weblogs immer auch die (software-) technischen Bedingungen der diversen Nutzungen sowie den symbolischen Gebrauch von Medientechnik.

Gerade weil diese zugleich historisch, praxistheoretisch und technikbezogene Perspektive multidimensionale Forschungsdesigns notwendig macht, ist die Volkskunde keine Medienwissenschaft im Sinne anderer Bindestrich-Medienwissenschaften, sondern eine Alltagswissenschaft, die die zunehmende Bedeutung von Medien angemessen zu integrieren weiß.

Der Vortrag basiert auf Arbeiten aus meiner Gutachtertätigkeit für das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) sowie auf Überlegungen zu meinem Habilitationsprojekt (Arbeitstitel: Soziokultureller Wandel und Internetnutzung).

 
 
 
 
 
 
Der Vortrag von Klaus Schönberger findet statt am:
Di | 25.9. | 9.00 Uhr
in P2